Kommunikation im Wahlkampf

 

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Warum die Verständigung zwischen Politik, Medien und Bürgern verbesserungswürdig ist

 

„Für mich ist der Wahlkampf die schlechteste Gelegenheit zu politischen Äußerungen. Bei der Wahl muß man mit dem Wortschatz eines Kindergartens und mit der Grammatik eines Computers auskommen“, äußerte Schriftsteller und Dichter Hans Magnus Enzensberger 1987 gegenüber dem Spiegel. Vor genau 30 Jahren kritisierte Enzensberger den damaligen, „langweiligen“ Wahlkampf im Westen und brachte auf den Punkt, was sich bis heute nicht geändert hat: Während des Wahlkampfs ist die Kommunikation zwischen Politik, Medien und Bürgern wichtiger denn je. DENKBAR – PR & Marketing hat sich deshalb mit dem Wahlkampf, der Rolle der Medien, Talk-Shows und Kampagnen der Politiker beschäftigt. Was ist gute und was ist schlechte Kommunikation? Sechs verschiedene Statements zu sechs verschiedenen Themen:

Meinungsbildung mithilfe der Medien war gestern

„Bild, Bams und Glotze“, das sei alles, was er zum Regieren brauche, meinte Altbundeskanzler Gerhard Schröder seinerzeit. Das würde wohl jeder gute Demagoge unterstreichen. Aber was passiert eigentlich, wenn Bild, Bams und Glotze die Meinungsbildung selbst übernehmen und den politischen Prozess nicht begleiten, sondern ihn aufgrund mangelnder journalistischer Ethik manipulieren? Herzlich Willkommen im Wahljahr 2017. Objektivität, Neutralität – alles Schnee von gestern. Hauptsache der Emotionswaschgang läuft auf vollen Touren. Zu jeder noch so abstrusen These starten Private und Öffentliche eine Umfrage, die schnell raus muss, bevor jemand anderes auf die Idee kommt. Diskussionsrunden via TV werden gewonnen oder verloren – dank Auswertung des Live-Tickers stehen die Ergebnisse innerhalb weniger Sekunden fest. Auch logisch denkende Menschen lassen sich mit der passenden These leicht aus dem Konzept bringen. Hier ein „Hart aber Fair“ Schmankerl: „50 Prozent aller Deutschen sind der Meinung, dass ‚Wählen‘ gehen in Zukunft unnötig sei, weil der Sieger schon vorher feststehe“. Ich wünsche mir von den Medien, dass Sie Ihre Rolle als reflektierte und neutrale Informationsvermittler neu definieren.

Thorsten Preis

 

Talks brauchen mehr Tiefe

Da Fernsehen nach wie vor das Massenmedium ist, das die meisten und unterschiedlichsten Menschen erreicht, sind Talk-Shows eigentlich eine gute Möglichkeit die Bundestagswahl zu bewerben. Lange Sommerpausen, alteingesessene Moderatoren und strenge Auflagen machen dem Ganzen aber einen Strich durch die Rechnung. Warum werden Shows wie Schulz & Böhmermann kurzfristig aus dem Programm genommen, nur weil laut ZDF sechs Wochen vor der Wahl keine Politiker bei ihnen auftreten dürfen? Mit Illner, Lanz und Co. wird nur eine bestimmte Zielgruppe erreicht und die YouTuber, die die Kanzlerkandidaten interviewen durften, haben aus dieser Chance nichts Spannendes gemacht. Mein Fazit: Talk-Shows bergen absolutes Potenzial, das nicht einmal ansatzweise ausgeschöpft wird.

Vanessa Salbert

 

Provokation versus Aufmerksamkeit

Provokation ist die Munition der Aufmerksamkeit. Genauso sehen es gerade kleine, wahlwerbende Parteien. Allen voran „Die Partei“: und ja, es scheint zu funktionieren. „Die Partei“ fällt auf und wird mit ihren witzigen Aktionen und Plakatsprüchen auch wahrgenommen.
Aber: Eine Wahlentscheidung ist etwas umfangreicher als die Kaufentscheidung für oder gegen ein Produkt. Mit einer Bundestagswahl lege ich für vier Jahre Verantwortung für ein ganzes Land in die Hände einer Partei und ihrer Vertreter. Da spielen Glaubwürdigkeit und Verantwortungsbewusstsein eine größere Rolle als Witzigkeit und Provokation. Zudem verstärken spaßige Kobolde die Skepsis an unserer parlamentarischen Demokratie, die ja in deren Augen auch nur noch ein Witz zu sein scheint. Das führt zu Frust und könnte Nichtwähler darin bestärken, auf die eigene Stimmenabgabe zu verzichten oder diese sogar an Populisten zu verschleudern. Trotzdem sind provokante Thesen natürlich wichtig, um nicht völlige Lähmung beim Wähler zu erzeugen, welche gerade die Große Koalition in den letzten Jahren verstärkt hat. Das Kanzlerduell am letzten Sonntag hat gezeigt, wie Wahlkampf ohne Provokation zum Einschlafen führt.

Holger Post

Die Suche nach dem geringeren Übel

Wenige Wochen vor der Bundestagswahl 2017 säumen die Merkel-, Schulz- und Co.-Abbilder die deutschen Straßen. Doch wie wirken diese Plakate eigentlich und was sagen sie aus?
Kanzlerin Angela Merkel lächelt zufrieden vor einer stilisierten Schwarz-Rot-Gold-Flagge in die Kamera. Die CDU wartet mit einem soliden Wohlfühlversprechen auf: „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“. Ganz nett, aber als #FEDIDWGUGL definitiv hashtaguntauglich und auch insgesamt irgendwie eher #Gähn. Die SPD inszeniert sich als Partei der Zukunft und Gerechtigkeit. Martin Schulz will Visionen und Ideen umsetzen, etwas verändern. Irgendwie nimmt man ihm und der SPD die Rolle als visionäre Zukunftsmacht jedoch nicht wirklich ab. #Text-Bildschere. Während die CDU also auf Wohlfühlphrasen und „heile Welt“-Inszenierungen setzt, versucht die SPD politische Botschaften entlang der wichtigen Themen mithilfe von Reizworten zu transportieren. Es bleibt ein Versuch. Als Herausforderer-Partei fehlt es der SPD eindeutig an einer provokanten und spektakulären Umsetzung.
Und wie präsentieren sich die anderen Parteien? Die Grünen werben mit ihrer Kernkompetenz „Umwelt“, setzen dies aber völlig abschreckend – dank eingefärbter und abstrakter Weltkugel – und inverser Schrift in Versalien um: #AugenAua. Tja, und der FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner, abgelichtet als Mischung zwischen Boygroup-Mitglied und Model, soll wohl Modernität verkörpern. Ja, modern ist das wohl, wirkt aber trotzdem irgendwie befremdlich und abgehoben. Die AfD wirbt wie zu erwarten lieber mit populistischen Textaussagen und sexistischen Bildmotiven wie Frauen in Bikinis – weil sie diese lieber sehen würden als Frauen in Burkas. Vielleicht sogar ein Fall für den Deutschen Werberat?! Die Linke: Das Bollwerk gegen Rechts. Knapp und verständlich. Gleichzeitig zu altmodisch und textlastig: Parteien brauchen Köpfe!
Da hilft wohl nur eines: #Wahl-O-Mat anschmeißen und seine Plakat-Favoriten mit den Inhalten abgleichen!

Sarah Werner

 

Ein (unangenehmer) Sieger unter dem Radar

Angela Merkel steht neben einer Waage. In der linken Waagschale, sie trägt den Titel „Flüchtlinge“, befinden sich fünf dunkelhäutige Personen, teilweise verschleiert. Sie tragen Turban und Gewand. Auf der rechten Waagschale – Titel „Deutsche“ – sind fünf hellhäutige Personen zu sehen. Sie tragen Anzug, Kleid, Rock oder Bluse. In dieser Karikatur der Alternative für Deutschland haben die Flüchtlinge ein deutlich höheres Gewicht, als die Deutschen – darüber der Slogan „Merkels Sinn für Gerechtigkeit“. Das Ganze ist in dieser Woche auf dem Facebook-Kanal der AfD veröffentlicht worden. Haben Sie nicht mitbekommen? Dann gehören Sie allem Anschein nach nicht zu den 356.000 Facebook-Nutzern, die der AfD ein Like dagelassen haben. Die populistische Partei hat mehr Follower als SPD und CDU zusammen. 50 Millionen Deutsche bewegen sich in den sozialen Medien. Die Chance der politischen Teilhabe und Meinungsbildung ist durch die digitale Transformation aktuell so hoch wie nie zuvor. Und was passiert? Die AfD gewinnt den Wahlkampf auf Social-Media – haushoch. Wer sich eine ausgewogene Meinung vor dem Kreuz am 24. September bilden will, der sollte einen Blick auf die Kanäle der großen Parteien werfen – ja, auch auf den der AfD. Der Vorwurf der Filterblase gilt für alle, die sich im Social Web bewegen. Kenntnis und Sachverstand sind wesentliche Teile politischer Kommunikation. Nur wer den Fall aus verschiedenen – teilweise auch unangenehmen – Perspektiven betrachtet, kann fundiert argumentieren – und letztendlich überzeugen.

Marcel Waalkes

Die Filterblase als neue (Schein)-Realität

Diskussionen über Politik, Wahlkampf oder Parteiprogramme wurden in der Vergangenheit in der Eckkneipe nebenan, auf dem Marktplatz am Obststand oder bei Familienfeiern geführt. Alle Orte eint ein Merkmal: Diversität. Menschen unterschiedlicher Couleur und mit teilweise konträren Meinungen diskutieren über Pro und Contra und begegnen somit neuen Inhalten, Fakten und Erkenntnissen. Die Diskussion im Wahljahr 2017 findet jedoch in der geschlossenen Filterblase des Social-Webs statt und verliert dadurch ihre Gültigkeit. Dank schlauen Algorithmen wird dem AFD-Sympathisanten nur AFD-Content in den Feed gespielt, wo er auf andere AFD-Sympathisanten trifft. Eine Diskussion zwischen unterschiedlichen Meinungen findet somit nicht mehr statt. Doch es wird noch schlimmer: einmal in der Blase gefangen werden Halbwahrheiten und dreiste Lügen schnell zu Fakten einer konstruierten Scheinrealität, die durch die Macht des Schwarms validiert wird. Im Handumdrehen verbreiten sich Beiträge, die behaupten, dass allen Flüchtlingen ein fünfstelliges Begrüßungsgeld gezahlt wird oder die Bundesregierung die Vergewaltigung von Frauen legalisieren will. Totaler Bullshit aber Realität und wahlentscheidend in der Blase.

Tobias Henze

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